Die Emotionsreise.

“A crucial element of the real self is its unconditional acceptance of itself.”
-Michael Adzema

 

Es ist kurz nach Mitternacht als ich anfange diese Zeilen zu schreiben. Ich weiß, dass ich eigentlich schon schlafen gehen sollte. Ich weiß, dass ich eigentlich in ein paar Stunden auf der Arbeit sein müsste. Ich weiß auch, dass ich in ein paar Stunden das Telefon in die Hand nehmen werde um dort anzurufen, weil ich es nicht schaffen werde aufzustehen, wenn mein Wecker klingeln wird. Ich weiß auch, dass ich mich wieder dafür hassen werde, wenn ich es tue. Trotz allem bin ich hier und muss meine Gedanken loswerden. Sonst würde ich wahrscheinlich platzen. Rette ich mich gerade selber? Oder tue mir dadurch weh? Ich weiß es nicht. Es könnte eine Mischung sein. Einerseits weiß ich, dass ich mich gleich besser fühlen werde. Anderseits weiß ich, dass der Hass folgen wird. Vielleicht verzeihe ich mir. Nur dieses eine Mal. Ich versuche mir einzureden, dass es das letzte Mal ist, dass ich sowas tue. In der Hoffnung es selber zu glauben. In der Hoffnung, dass es wirklich das allerletzte Mal ist. Auch wenn ich weiß, dass es das wahrscheinlich nicht so sein wird. Schon befinde ich mich im Teufelskreis und versuche den Selbsthass abzuwehren. Eigentlich sollte das hier alles nicht so depressiv und hasserfüllt werden. Ich will mich eigentlich nur ein Stück retten. Das rede ich mir ein. So wie damals, als ich mich das erste Mal ritzte. Ich will mich nur besser fühlen. Das war die Ausrede.

Es sind schon wieder ein paar Monate vergangen als ich das letzte Mal geschrieben habe. Inzwischen bin ich müde geworden mich dafür zu hassen. Vor ein paar Tagen habe ich einen Beitrag schrieben. Er liegt da. Allein und unkorrigiert. Ob ich es jemals nachholen werde weiß ich nicht. Der Grund für den heutigen Eintrag ist das Buch: Konsequent ambivalent: 15 Frauen mit Borderline erzählen. Als ich mich mit dem Thema Borderline und Beziehungen beschäftigte, stieß ich im Internet auf einen Auszug aus diesem Buch. Die Geschichte eines anderen Borderliners. Sie hatte mich direkt in ihren Bann gezogen. Schnell wusste ich, dass ich dieses Buch lesen und lieben würde. Bis ich es dann aber tatsächlich gekauft hatte, sind noch mehrere Wochen vergangen. Letztendlich habe ich es doch getan und auch schon durchgelesen. Es fühlt sich gut an ein Buch zu Ende zu lesen. Das tat ich schon lange nicht mehr. Dieses Buch löste so viel Gefühle in mir aus, wie lange nichts anderes mehr. Ich durchlebte meine komplette emotionale Entwicklung. Von dem kleinem einsamen Kind, bis zu dem verwirrtem, jungem Erwachsenen, der ich heute bin. Ich sehe deutlich das Kind in mir, dass Angst hat vor Verantwortung und das Erwachsenseins.

Ich verstand plötzlich so vieles und nahm so vieles wahr was ich schon eigentlich immer wusste, ich diese jedoch ganz tief in meinem Inneren verborgen hatte. Dinge, die ich wahrscheinlich bis in die tiefen Abgründe verdrängt habe. Bin ich gerade klar? Ich denke ja. Zumindest klar genug um bewusst diese Zeilen zu schreiben. Das Buch war meine Rettung. Mein Anker. Der Ort an dem ich mich noch nie so verstanden gefühlt hatte. Und das von so vielen verschiedenen Menschen, den ich nicht mal begegnet bin. Ich habe erfahren, wo ich auf meiner Reise stehe und wie viel Glück ich eigentlich habe, mich schon so früh mit Borderline beschäftigt zu haben.  Mein Glück besteht darin, dass meine Vernunft viel stärker ist als meine Impulse.

Es war so klar. Ich, das kleine Kind, dass immer Liebe suchte und sich nie verstanden gefühlt hat. Ich, das Mädchen, dass immer bestraft worden ist und keine Freunde hatte. Ich, die Jugendliche, die ihren Wert nie verstanden hat und sich mit allem zufrieden gegeben hat, um nicht wieder allein sein zu müssen. Der Grund warum ich mich betrügen und belügen lassen hatte. Der Grund warum ich nie gegangen bin. Der Grund warum ich immer stark sein wollte und mir einredete ich würde niemanden brauchen. Weil es letztendlich keiner mit mir aushalten würde und mich wieder verlässt. Der Grund warum ich immer sagte, dass ich nie eine Beziehung wollte und lieber allein sein wollte. Weil ich mich Tag für Tag hasste und mir aber trotzdem nichts sehnlicher gewünscht habe jemanden zu finden, der mich auch in meinen schwachen Momenten lieben könnte. Es haben sich selten Jungs für mich interessiert. Meine Freundinnen waren immer alle begehrter und hübscher. Ich tat immer so als würde es mich nicht interessieren und das ich eh niemanden will. Irgendwann war da jemand, der für mich da war und mein einsames ich, dass sich vor Nähe fürchtete, hatte sie am Ende doch zugelassen. Und wurde enttäuscht. Immer und immer wieder. Ich schwor mir jedes Mal, mehr aufzupassen, mir mehr Zeit zu nehmen. Die Person wirklich kennenzulernen. Jedoch hatte ich damals Trigger, die meine Wände zerbrachen ließen wie ein Glas, das am Rande eines Regals stand und es nur noch die Frage der Zeit war bevor es abstürzte. Es war immer das selbe Muster eines Mannes, das mein Herz direkt schneller schlagen ließ. Heute weiß ich, dass diese Eigenschaften, die ich mir damals fest als Regel gesetzt hatte, total irrelevant geworden sind. Trotzdem schlägt mein Herz immer noch schneller, wenn ich jemandem mit diesen Kriterien begegne und er mich zu nah kommt oder sich für mich interessiert. Deshalb meide ich den Typus inzwischen komplett.

Ich wusste einfach nicht wer ich bin. Wo ich hingehöre. Ich brauchte deshalb immer Veränderungen. Möbel im Zimmer verrücken, neue Frisur oder einfach ein komplett neuer Style. Neue Musikrichtung, neue Jobs, neue Wohnorte. Ich habe mich immer noch nicht gefunden. Muss ich es? Ich weiß es nicht. Alles scheint vergänglich und langweilig. Schon meine Wortwahl in diesen Sätzen lässt mich sehen, wie stark ich doch ein Borderliner bin. Ja, ich würde es gerne wieder verdrängen. Manchmal ist der Kummer zu stark und die Aussicht auf Besserung zu schwach. Dann fühle ich mich machtlos und schäme mich. So wie das morgen sein wird, wenn ich zuhause bin und meine Pflichten nicht erfüllen kann. Ich wünschte, ich könnte wieder eine Auszeit haben. In Therapie gehen. Vielleicht sogar in eine Klinik. Wo ich ein wenig Sicherheit spüren darf und wo Schwäche nicht bestraft wird.

Es gab immer diese typischen selbstzerstörerischen Verhaltensmuster. Die änderten sich bei mir ständig. Weil meine Vernunft dann Alarm geschlagen hatte, wenn sie merkte, dass es in die Richtung gehen könnte wo es kein Zurück mehr gäbe. Ich ritze mich, ich feierte zu viel, ich schlief zu wenig oder zu viel, ich aß zu viel oder zu wenig. Ich trank übermäßig viel Alkohol, ich schaute viel zu lange Animes. Ich verliebte mich zu schnell und verlierte mich zu schnell. Ich fuhr Auto ohne einen Führerschein zu haben, ich fuhr schwarz obwohl ich mir ein Ticket leisten konnte. Ich suchte den Kick in Diebstahl, ich empfand Hass und Aggressionen. Ich prügelte auf andere Menschen ein, ich hatte fast ein Sexproblem entwickelt. Ich war leer und hilflos. Ich wollte etliche Male nicht mehr existieren. Ich hasste meine Eltern und dachte tagelang nur darüber nach wie ich sie verletzen könnte. Ich verletzte andere Menschen aus meinem Leben und ich verletzte dadurch letztendlich immer mich selbst.

Heute lasse ich alle meine Gedanken raus, ohne sie zu bewerten. Heute werde ich so sein wie ich mich innerlich fühle, ohne Angst zu haben, dass ich nicht verstanden werde. Heute möchte ich über all die Dinge reden, die ich verdrängt oder nie bewusst wahrgenommen hatte. Heute werde ich mich mir der gruseligen Frage beschäftigen, wie es wäre, wenn ich mich ernsthaft versuchen würde mich zu lieben. Heute lasse ich meinen Gedanken freien Lauf, ohne dass ich mir Sorgen über meinen Schreibstil mache. Nur heute, möchte ich mich normal und frei fühlen. Nur die Tastatur und meine Gedanken. Nur ich mit mir selbst.

Irgendwas hat sich verändert. Ein Rad hat sich angefangen zu drehen und ich kann es nicht mehr stoppen. Ich habe immer noch Angst. Vor Nähe, vor dem Alleinsein, vor dem Verlassen werden. Ich habe aber aufgehört zu leugnen, dass ich mich nach der Liebe sehne. Nach der wahren Liebe. Was auch immer Liebe bedeuten mag. Ich stelle mir vor wie es wäre, wenn ich mich besser im Griff hätte. Auch wenn ich weiß, das Borderline immer ein Teil von mir sein wird, hege ich die Hoffnung, dass ich mich eines Tages nicht mehr so verletzen werde wie ich es eins tat oder noch tue. Die Hoffnung andere Menschen nicht mehr zu verletzen. Die Hoffnung keine Angst mehr zu haben geliebt zu werden. Liebe und Zuneigung zulassen zu können. Ohne einen emotionalen Ausbruch zu bekommen. Einen sicheren Hafen zu finden, an den ich zurückkehren kann, wenn ich leer bin oder nicht fähig bin mich selbst wahrzunehmen. Eine Verbindung, die mich auf dem Boden hält – ganz weit weg vom Abgrund und dem ungesunden Kick. Ich sehne mich nach Akzeptanz und Stärke all die Dinge tun zu können, die mich glücklich machen. Ich wünsche mir meinen Dämonen mal begegnen zu können und das Kind in mir umarmen zu können.

‚Es wird alles gut.‘ ; versuche ich mir einzureden und beende diesen Beitrag mit einen Hauch von Hoffnung, während ich meine Seele offenbare und nichts anderes als die Hölle sehe.