Liebessüchtige vs. Liebesvermeider

Stufe 1:
Liebesvermeider:
Gehen Beziehungen aus Pflichtgefühl ein, verschanzen sich hinter einer Mauer aus Verführung.
Liebessüchtige:
Gehen Beziehungen ein, um den Schmerz des Verlassenwerdens zu bekämpfen, verschanzen sich hinter der Mauer der Fantasie.

Stufe 2:
Liebesvermeider:
Fühlen sich von der Bedürftigkeit des Partners unterdrückt und wechseln von der Mauer der Verführung zur Mauer des Ressentiments.
Liebessüchtige:
Ignorieren die Mauern des Partners, genauso wie sein Bedürfnis nach einem Leben jenseits der Beziehung.

Stufe 3:
Liebesvermeider:
Fortschreitende Übergriffigkeit Partners führt zu Rückzug aus der Beziehung und zur Suche nach Aufregung.
Liebessüchtige:
Unleugbares Ereignis oder eindeutige Erkenntnis. Beendet die Illusion.

Quelle: „Die Nackte Wahrheit“ – Neil Strauss

Schon seit einer Weile lese ich dieses Buch. Ich komme nicht wirklich schnell voran. Es liegt gar nicht daran, dass ich zu faul bin zum lesen oder das Buch eine komplizierte Ausdrucksweise hat. Was ich für ein Freitzeitbuch hielt, enpuppte sich sehr schnell als Gedankenerreger für mich. Ich lese ein paar Zeilen und dann schießen mir so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich erstmal eine Weile damit beschäftigt bin. Eigentlich müsste ich schon längst schlafen, da der Wecker um halb 6 klingelt. Auch wenn mein Körper völlig erschöpft ist von meinem langem Tag, in meinem Kopf raucht es wortwörtlich. Das Thema über Liebessüchtige und Liebesvermeider hat mein Interesse ins unermessliche erweckt.

Jetzt kommt der Part, wo ein Mensch über irgendwas im Internet liest und sich denkt: „Omg, ich glaube, ich hab‘ eine Störung!“ Also natürlich weiß ich, dass ich eine Störung habe. Ich habe mich viel mit dem Thema Nähe und Distanz beschäftigt und bin auf einen interessanten Artikel über Arten von Bindung gestoßen. Wer englisch kann, kann hier nachlesen, was ich meine. Nie war Ambivalenz so ein wichtiges Wort in meinem Leben. Denn ich denke, dass ich Liebessüchtig bin. Jedoch, mag ich die Liebessucht nicht, deswegen spiele ich den Liebesvermeider. Auch ohne die mehreren Male gebrochenen Herzens in diesem Jahr, hatte ich schon immer Angst vor Nähe und Beziehungen. Wahrscheinlich weil ich denke, dass mich keiner ertragen kann. Wahrscheinlicher, weil ich mich selber manchmal gar nicht ertragen kann.

Warum fühlt sich Ambivalenz so komisch für mich an? Ich frage mich ob es wirklich so komisch ist, beide Seiten zu empfinden? Wahrscheinlich nicht. Menschen sind mal gut und mal schlecht drauf. Sie können gut oder böse sein. Bin ich wieder hart am splitten? Ich bin in einer Phase, wo ich so viele unterschiedliche Dinge empfinde, dass ich gar nicht wirklich weiß, wer ich bin und was ich eigentlich hier tue. Vielleicht bin ich deshalb am schreiben, um meine Gedanken ein wenig zu sortieren.

Liebessucht. Emotionale Abhängigkeit. Fuck. Ich will das doch gar nicht. Liegt es an mir, weil ich ein Psycho bin? Oder an meinen Partnern, die mir nicht genug Liebe schenken konnten? Erwarte ich zu viel Liebe? Schenke ich zu viel Liebe? Ich denke zurück in die Vergangenheit und alles was ich sehe sind Bruchstücke aus Verzweiflung und krankhaftem Klammern, Kontrollverlust, Emotionsüberladung, Angstzustände und noch mehr Sucht nach Liebe. Ich sehe mein zerstörtes ICH in einer Beziehung, unmöglich mich zu lösen. Egal wie unglücklich ich war. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es besser geworden. Aber ich bin dauernd auf der Hut. Das bin ich gewohnt, denn die Impulse fragen mich auch nicht ob ich gerade Lust habe sie zu unterdrücken.

Inzwischen weiß ich gar nicht ob ich mehr Angst davor habe verletzt zu werden oder davor mich zu verlieren und mich zu verletzen oder verletzt werden möchte. Ich weiß auch gar nicht ob ich wirklich objektiv bin oder der Selbsthass aus mir spricht. Aber ich denke gerade tatsächlich, dass es unmöglich für mich ist eine glückliche Beziehung zu führen. Ich verstehe gar nicht was gesunde Liebe bedeutet. Ich verstehe auch nicht wann was zu viel oder zu wenig ist. Ich verstehe auch nicht wann es okay ist was zu sagen oder wann es okay ist Dinge zu ertragen. Ich verstehe auch nicht wie viel man einen Menschen lieben soll um es Liebe zu nennen. Oder wann man überhaupt von Liebe sprechen kann. Ich verstehe auch nicht ob es am Borderline liegt oder an irgendwas anderem. Was ich weiß ist, dass ich eigentlich gar keine Ahnung habe wie man richtig liebt. Oder geliebt werden sollte. Ich habe überhaupt keine Ahnung von Liebe. Vielleicht macht sie mir deshalb solche Angst. Vielleicht habe ich deshalb ein verzehrtes Bild von der Liebe. Dann bin ich wütend und frage mich wie ich es lernen soll, wenn es mir keiner beibringt?

Wegen all den Schmerzen und Ablehnung und Enttäuschungen, lernte ich ein Liebesvermeider zu sein. Ich malte mir aus, wie schön es ist kalt zu sein und keine unnötigen Gefühle zu empfinden. Wahrscheinlich kann ich gar nicht ohne die ganzen Gegensätze existieren. Ich war sehr lange ein extremer Liebesvermeider. Ich denke an die Jahre zurück, an den ich mich auf niemanden eingelassen habe und daran glaubte Single zu sein das Beste ist, was es gibt. Damals schien es einfacher für mich. Ich wollte weder Liebe oder Sex. Ich hatte meinen Freundeskreis, der mich davon ablenkte oder ich zog mich komplett zurück und verbrachte einfach nur Zeit in meinen Vier Wänden. Typen haben sich damals eh nicht für mich interessiert. Ich wurde nie angemacht oder einer war in mich verknallt oder sowas in der Art. Ich hörte immer Geschichten darüber, wie Männer die Herzen meiner Freundinnen eroberten wollten. Ich glaube sowas habe ich immer noch nicht. Ich habe inzwischen entdeckt, dass ich sexuell attraktiv bin. Oder das Menschen fasziniert von mir scheinen. Lieben könnte mich trotzdem wohl keiner.

Wer es irgendwann wirklich tun sollte, dem sage ich jetzt schon, dass er gestört ist. Aber auch, dass er einfach ein starker Motherfucker ist.

Zurzeit bin ich wieder ein Liebesvermeider. Mit jeder Faser meines Körpers lehne ich sie ab. Ich möchte niemanden lieben. Ich möchte an niemanden dauernd denken. Ich möchte auch nicht, dass mir jemand zu nah kommt. Ich muss wieder einen Schutz aufbauen, nachdem meine Mauer komplett zertrümmert worden ist. Wisst ihr, ich habe in den letzten paar Monaten Gefühle für jemanden entwickelt. Ich habe ihn in meine Seele einblicken lassen. Meine Ängste und Sehnsüchte gezeigt. Meine Schwächen und Tränen. Er kannte mein Wahres Ich. Er war einer der wenigen, der mir Nah sein durfte. Ich hatte unglaubliche Angst, dass er sich von mir abwenden würde. Und er tat es auch. Er wusste wie wichtig er mir war. Er wusste wahrscheinlich auch, dass er nicht so für mich fühlt. Aber er behielt mich aus Egoismus oder warum auch immer. Seine Gefühle für mich waren wohl nie wirklich aufrichtig. Ich weiß es nicht.

Gerade in diesem Moment verachte ich ihn, weil er mich so verletzt hat, obwohl er wusste, dass ich es nicht ertragen kann. Er wusste, dass es mich zerstören würde. Vielleicht hab‘ ich die Lektion verdient. Damit ich noch vorsichtiger werde, wenn es darum geht jemanden an mich ranzulassen. Damit ich lerne eine bessere Mauer aufzubauen. Damit ich lerne weniger naiv zu sein und mich besser zu schützen.

Eigentlich sollte er gar nicht das Thema werden heute, aber irgendwie kam ich doch nicht drum rum an ihn zu denken. So hoch, wie meine Gefühle waren, so tief ist mein Kummer. Und wisst ihr? Ich war verdammt glücklich, wenn ich mit ihm Zeit verbrachte. Es ist lange her, dass ich diese Art von Liebeskummer empfand. Machmal breche ich einfach zusammen und weine bitterlich. Manchmal vermisse ich ihn so sehr, dass ich darüber nachdenke doch alles zu ertragen, nur um ihn noch einmal sehen zu können. Manchmal möchte ich einfach nur Sex mit ihm haben. Ich beschäftige mich, ich bin dauernd unterwegs, ich möchte einfach nur, dass es schnell vergeht. Ich möchte ihn radikal aus meinem Gefühlsleben löschen. Ja, ich weiß, sowas geht von selbst, aber ich bin eben ungeduldig. Keine Lust wegen einer Person abgefuckt zu sein. Aber was man möchte und was man fühlt sich dann doch unterschiedliche Dinge.

Hachja, bin jetzt eigentlich gar nicht pessimistisch. Ich weiß, dass ich mich weigern kann, wie viel ich nur will. Eines Tages wird bestimmt irgendeiner vorbeikommen und mir den Kopf verdrehen. Egal ob ich es möchte oder nicht. Mehr Liebeskummer incomming. Oder ich finde heraus, dass es jemanden gibt, der zu mir passt. Man weiß es nicht. Bis es wieder so weit ist, werde ich mich wieder hinbiegen, mehr über meine Psyche, Nähe und Beziehungen nachdenken. Bis dahin werde ich ein Liebesvermeider sein…